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Annique Delphine: „Ich will, dass Weiblichkeit als Stärke angesehen wird.“

Letzten Donnerstag ging es für uns an einem eisigen Winterabend nach Berlin Mitte. Emma McKee, Kuratorin der coGalleries, hatte geladen, um eine neue Ausstellung zu eröffnen. Wir hörten von der Zurückeroberung der Weiblichkeit, ganz viel poppigem Pink und jeder Menge Brüste. Selbstverständlich ließen wir es uns nicht nehmen diese Kunstwerke höchstpersönlich zu betrachten. 

Was uns erwartete, war eine Mischung aus stilvoller Fotografie, Film- und Installationskunst und wir waren sofort entzückt von der Art und Weise wie Annique Delphine, die Künstlerin der zu sehenden Werke, geschmackvoll, aber in deutlichem Ton die Objektifizierung der Weiblichkeit in Frage stellt. Angefangen als Model hatte Annique in ihrer Laufbahn immer wieder mit dem erniedrigenden Umgang des weiblichen Köpers zu tun und verarbeitet dies mittlerweile in ihrer Arbeit als Künstlerin. Ihre Solo-Ausstellung zeigt nun Werke aus ihrer Serie „Objectify me“ sowie eine Mixed Media Installation und setzt sich mit dem Umstand auseinander, dass vor allem Brüste als Symbol der Weiblichkeit für vieles objektiviert und sexualisiert werden. Sowohl die Studiofotografien, die teilweise Lebensmittel mit Plastikbrüsten mixen, als auch die Portrait-Landschafts-Aufnahmen haben es uns echt angetan. Nur zu gerne hätten wir das ein oder andere Exemplar direkt mit nach Hause genommen.
Und auch, wenn ich gemeinsam mit Vreni (Jäckle & Hösle & Edition F) bei einem Glas Wein die Bilder und Installationen zu ergründen versuchte, brannten mir nach dem Abend doch noch einige Fragen auf der Seele, die Annique gerne beantwortete.

desert.rose - Annique Delphine

Deine neue Ausstellung trägt den Titel #reclaimthefeminine – also das Weibliche zurückerobern bzw. zurückgewinnen. Was ist uns an Weiblichkeit verloren gegangen?
An Weiblichkeit ist uns nichts verloren gegangen, aber an ihrer Bedeutung. Und auch die gesellschaftliche Norm, also das was die meisten Menschen mit Weiblichkeit assoziieren, will ich aufbrechen. Von Frauen wird automatisch erwartet, dass sie immer höflich, zurückhaltend, freundlich, sanft, schön, aber gleichzeitig auch bescheiden sind. Es gibt unzählige Erwartungen an Personen, die Weiblichkeit darstellen, die nichts mit ihrer Persönlichkeit zu tun haben, sondern ausschließlich mit dem Geschlecht mit dem sie sich identifizieren. Das gibt es zwar umgekehrt auch für Männlichkeit, aber während diese immer mit Stärke assoziiert wird, gilt Weiblichkeit als Schwäche. Sie wird für Beleidigungen missbraucht, wie zum Beispiel „wie ein Mädchen“ ausdrücken soll, dass jemand etwas nicht gut genug/nicht stark genug macht.  Dabei hat jedes Geschlecht seine Stärken und Schwächen. Ich fordere für die Weiblichkeit Anerkennung zurück. Ich will, dass sie auch als stark angesehen wird. Schönheit und Stärke schließen sich doch nicht aus. 
Deine Bilder zeigen oft eine weibliche Person. Ein Bild heißt „Selfportrait in bed“. Bist du tatsächlich selbst auf den Bildern zu sehen? Was macht es mit dir dich in dieser Form darzustellen bzw. deine eigene Kunst zu werden?
Ja, das bin immer ich. Das hat ganz pragmatische Gründe. Zum einen fällt es mir so viel leichter mich auszudrücken, weil ich am liebsten alleine arbeite und im Umgang mit anderen Menschen oft schüchtern und gehemmt bin. Wenn ich mich selbst für die Fotos benutze, dann fällt das alles weg und außerdem muss ich nichts erklären.  Früher habe ich oft meine beste Freundin fotografiert, aber die lebt leider zu weit weg und nicht jede Freundin von mir fühlt sich wohl dabei nackt fotografiert zu werden.
Zum anderen entspringen die meisten Fotos sehr persönlichen Konflikten, meinen eigenen Unsicherheiten und Selbsthass. Da steckt natürlich auch viel Schmerz aus meiner Zeit als Model drin und vielleicht ist es deshalb auch therapeutisch für mich so viele Selbstportraits zu machen.
Annique Delphine - Selfportrait in bed
Selfportrait in bed
Annique Delphine - Boobhead
Warum spielt Nacktheit so eine große Rolle?

Frauenkörper sind so lange objektiviert und sexualisiert worden, dass die meisten Menschen es mittlerweile ganz normal finden einen nackten Frauenkörper mit Erotik und Sex zu verbinden. Das ist zwar in den USA viel weiter verbreitet als hier in Deutschland, aber auch hier gibt es viele Menschen, die Frauen automatisch in verschiedenen Kategorien einordnen je nachdem wie viel Haut sie zeigen. Ich versuche zu zeigen, dass man den nackten Frauenkörper schön finden kann ohne ihn zu vergegenständlichen.  Und mit Bildern wie ‚Hysteria‘ oder ’Single Serve Feminism‘ möchte ich zeigen wie weit wir uns bereits entfernt haben von einem natürlichen Umgang mit dem weiblichen Körper und mit Nacktheit. Es ist als seien Brüste mittlerweile für sich stehende Objekte, von unserer Anatomie losgelöst und als Gebrauchsgut vermarktet.

hysteria - annique delphineHysteria von Annique Delphine

Das zentrale Thema der Ausstellung sind Brüste, sowohl aus Pappmaché als auch Kunststoff. Du zeigst diese zwar in allen Hautfarben, jedoch nicht in unterschiedlichen Formen. Warum nicht?
Die Brüste fertige ich nicht selbst an. Sie werden in China hergestellt und je nachdem wo man sie kauft als verschiedene Produkte vermarktet. Als Scherzartikel, als Sexspielzeug, als Stressbälle usw. Das ist ja gerade das Absurde an ihnen. Und dass sie so künstlich perfekt aussehen. Das ist ein zentrales Thema meiner Arbeit, die Erwartung, die an Frauen gestellt wird, makellos zu sein. Unsere Körper zu einem Produkt zu machen dessen Marktwert an seiner ästhetischen Perfektion gemessen wird. Deswegen halte ich es für passend diese künstlichen Brüste dann auch für meine Fotos und für meinen Film zu verwenden.  
Der Boobhead soll mehr ein Symbol für die Brust sein, als ein Abbild der tatsächlichen eigenen Brust. Deswegen habe ich ihn so rund gemacht. Durch die Boobheadworkshops ist mir auch erstmal klar geworden wie entblößend das sein kann so eine riesige Pappmaché-Brust, die der eigenen nachempfunden ist, auf dem Kopf zu tragen. Vielleicht ist es ein wenig Selbstschutz ihn dann eher künstlich aussehen zu lassen. 
Dein Stil wirkt sehr frisch, modern, poppig und du scheinst verschiedene Kunstrichtungen zu vermischen. Zum einen die Arbeit mit Objekten wie den Brüsten aus Pappmaché, Mixed Media Installationen mit Blumen, aber eben auch die einzelnen Fotografien und sogar Filme. In welcher Disziplin fühlst du dich am wohlsten und wie entwickelte sich diese Liebe?

Mit Fotografie habe ich schon sehr früh angefangen. Zuerst mit diesen billigen Plastikkameras, die es zu meiner Kindheit gab (das waren die 80er), damit habe ich als Kind schon Blumen fotografiert. Mit 14 habe ich mir von meiner ersten Modelgage eine Kamera gekauft, aber erst zehn Jahre später habe ich begriffen, dass das der passende Beruf für mich sein könnte. Ich habe als Kind auch immer Sets mit meinen Barbiesachen gebaut anstatt mit den Puppen zu spielen. Stundenlang habe ich die pinken Möbel arrangiert und wenn es dann endlich aussah wie es sollte, dann habe ich es einfach wochenlang so stehen lassen ohne wirklich damit zu spielen. So ähnlich ist es jetzt mit meiner Arbeit auch. Ich sehe gewisse Bilder in meinem Kopf und die will ich dann realisieren und dazu benutze ich jedes mögliche Mittel. Das hat sich ganz organisch so entwickelt, dass ich über die Fotografie zum Film kam und dann zur Installation. Für mich gehören alle drei Medien zusammen, damit ich mich ausdrücken kann.

Reclaim the feminine - Annique Delphine - InterviewMixed Media Installation mit Blumen

Du hast bereits an vielen verschiedenen Orten gelebt, warst lange Zeit in den USA. Inspirieren dich die verschiedenen Orte auf unterschiedliche Art und Weise? Und wie lebt es sich als Künstlerin in Berlin?
Ich ziehe viel Inspiration daraus wie die Amerikaner mit weiblicher Sexualität und dem weiblichen Körper umgehen, denn der wird dort zunehmend kommerzialisiert, aber gleichzeitig immer mehr zum Tabu erklärt. Das finde ich faszinierend, aber es macht mir auch große Angst. 
In Deutschland, und vor allem in Berlin, fühle ich mich freier. In Berlin kannst du sein wie du willst und man redet dir deine Träume nicht sofort wieder aus.
Warum braucht Feminismus Kunst?

Kunst spiegelt immer den Zeitgeist wider. Und der ist im Moment geprägt von Misogynie und ihrer Intersektionaliät mit Rassismus und Klassismus. Ich sehe Kunst immer als einen Spiegel der Gesellschaft, und im Idealfall regt Kunst nicht nur die Sinne an, sondern auch das Bewusstsein für gesellschaftliche Konflikte. 

Annique Delphine - BoobheadAus den Ausstellungsräumen der coGalleries

Was wünscht du dir für Frauen 2017?
Generell wünsche ich mir, dass mehr und mehr Frauen aktiv werden sich gegen soziale Ungleichheiten auszusprechen. 
Und ich wünsche mir, dass der Feminismus das Stigma der Männerhassenden Frau abstößt. Sich für Frauenrechte einzusetzen, heißt nicht Männer unterdrücken zu wollen. 
Und im Moment ganz direkt liegt mir am Herzen, dass Menschen, die Sachen sagen wie zum Beispiel „Grab ’em by the pussy“ dafür zurück in ihre  Schranken gewiesen werden. Ich wünsche mir mehr Aufklärung über genderbasierte Gewalt, über sexuelle Übergriffe und darüber wie wichtig Zustimmung ist.
Annique Delphine - Blumen

Liebe Annique, vielen Dank für deine Zeit und deine wunderbare Arbeit. Wir lieben deine Werke und sind sehr gespannt, was wir in Zukunft noch von dir sehen werden. Dank Frauen wie dir spüren wir ganz deutlich, dass Worte wie  „pussy grabs back“ nicht nur leere Hüllen sind, sondern tatsächlich Wirklichkeit werden.

Annique Delphine - Objectify meAus der Serie „Objectify Me“

Die Ausstellung „Reclaim the Feminine“ findet ihr noch bis zum 28. Februar in der coGalleries, Torstraße 170 Berlin.
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Reclaim the Feminine
Event

© Fotos & Video: Annique Delphine
Fotos aus den Ausstellungsräumen: Jana Braumüller für Not Another Woman Mag