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Alle Möglichkeiten, aber keine Wahl? – Ein Gespräch mit dem Kabarettisten Florian Schroeder

So, das ist also nun die Realität: Ich sitze im wahrsten Sinne des Wortes mit Florian Schroeder in einem Boot! Irgendwo zwischen Mittelmeer und Atlantik. Es gibt einfach diese wunderbaren Fügungen des Schicksals, die man ergreifen muss! Also ziehe ich los und packe die Gelegenheit beim Schopf und frage einfach : „Hallo Herr Schroeder, ich bin Victoria vom Not Another Woman Mag. Hätten Sie vielleicht morgen etwas Zeit für mich, um mir ein paar Fragen zu beantworten.“ Es ist völlig unkompliziert! Na klar morgen 13.00 Uhr. Wow.

Als ein Kind der späten 70er ist Florian Schroeder in Lörrach in Baden-Württemberg aufgewachsen. Sein Werdegang ist beeindruckend. Konstant und stetig mit großem Engagement und harter Arbeit ist er in seine Bekanntheit hineingewachsen. Kein Vitamin B, sondern reines Können. Sein aktuelles Programm „Entscheidet euch!“ beschäftigt sich nicht nur mit den überzogenen Erwartungen an uns Individuen, sondern auch mit den Fallen der Generation „Alles-ist-Möglich“. Wem fällt es denn heutzutage noch bei der Unmenge an Entscheidungsmöglichkeiten leicht, sich mit einem guten Gefühl zu entscheiden? Entscheiden ist unter Verruf geraten. Es ist schlecht, denn man könnte sich immer im falschen Moment für genau das Falsche entscheiden und das in einer Gesellschaft, in der alle nach Perfektion streben und der/die/das Beste sein wollen. Wo bleibt denn da die Gelassenheit?

Die Frauen, eine Herzensangelegenheit für den Humor-Feministen, der durch seine alleinerziehende Mutter geprägt wurde. Ein Scheidungskind zu einer Zeit, so sagt er selbst, wo Diskriminierung für Alleinerziehende noch offen(er) ausgetragen wurde. Aber sie hat ihn unterstützt, seinem kreativen Können vertraut und an ihn geglaubt. Welches Kind wünscht sich das nicht! Seit etwa 10 Jahren nun wohnt er in Berlin, wo auch sonst! Denn hier hat Kreativität den Raum, den sie braucht: Vielfalt, Multikulti, viele Verrückte auf einem Haufen. Berlin eben. Hier fühlt Florian sich wohl.

13.00 Uhr am nächsten Tag. Ob er wirklich an den Termin denkt, frage ich mich just in dem Moment, als er aus dem Aufzug steigt. Am Anfang bin ich so nervös, dass ich selbst viel zu viel erzähle. Innerlich ermahne ich mich „Victoria, es interessiert gerade nicht, was du denkst. Es ist ein Interview!“ Aber es ist eben auch genau mein Thema: Feminismus heute und die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft in der Theorie und Praxis. Die Liste kann ich beliebig lange fortsetzen. Und wenn die Fronten erst einmal verhärtet sind, was hilft immer? Humor! Also tasten wir uns an dieses Thema doch mal auf einem anderen Wege heran ohne verbissen, militant oder frustriert zu wirken. Denn im Grunde kann man mit einer Prise Verständnis, Respekt und Unterstützung viel erreichen!

Erinnert ihr euch noch daran als Florian Schroeder Anfang des Jahres in der NDR Talkshow zusammenfasste, was wir Frauen heutzutage alles können und leisten müssen? Klar, dass ich ihm dazu nochmal befragen musste.

Spätestens seit deinem Auftritt in der NDR-Talkshow hast du einen riesigen Stein im Brett bei uns Frauen. Und auch die Erwartungen an die Männerwelt formulierst du sehr treffend (s. am Ende dieses Beitrages). Wie hast du es geschafft dich in die beiden Rollen so gut hineinzuversetzen? Vor allem natürlich in uns Frauen? Zufällig mit dem Föhn im Bad ausgerutscht, wie Mel Gibson in „Was Frauen wollen“?

Es war eigentlich das Resultat von sehr viel Beobachtung meines eigenen Umfeldes. Mir sind immer wieder diese Paradoxien aufgefallen. Ich habe mich natürlich mit Frauen über diese Themen unterhalten. Genauso wie ich da natürlich meine eigene Position als Mann sehe. Mich hat immer geärgert, dass es zwei Fraktionen gibt. Zum einen die Fraktion der Frauen, die die Situation der Frauen schildert und darin militant wird. Zum anderen gibt es die Position, welche nicht so im Diskurs und prominent ist, aber eben auch vorhanden, die die Seite der Männer so stark macht, von wegen „Feminismus hat sich eigentlich erledigt“. Das Argument gibt es ja teilweise auch auf Frauenseite.

Dann habe ich gedacht: Nee, es geht eigentlich nicht darum zu sagen, ihr seid gut oder ihr seid schlecht bzw. habt Recht und ihr nicht. Sondern eigentlich sollte gesagt werden, worin die große Paradoxie besteht. Nämlich in der Überlastung unserer Gegenwart. So kam ich dann auf diese Zuspitzung, die in einem ganz anderen Zusammenhang entstanden ist. 

Viele erkennen sich in deinen Schilderungen wieder und fühlen sich angesprochen. Und oft sieht  jeder die Dinge immer nur aus der eigenen Sichtweise, anstatt etwas verständnisvoller auch mal die Perspektive des anderen einzunehmen.

Genau. Da hatte ich das Gefühl, gerade wenn man als Mann über Frauen spricht, kann man vielleicht einen Schritt weitergehen und das auch aus einer anderen Perspektive sehen. Weil es natürlich ein Problem ist, dass Frauen, die über Frauen reden, oft im Verdacht stehen, ob es angemessen ist oder nicht, so eine Militanz an den Tag zu legen.  Da ist man vielleicht als Mann nicht ganz so verdächtig.

Florian Schroeder - Interview - Not Another Woman Mag

Auszug aus dem aktuellen Programm von Florian Schroeder

Uns ist aufgefallen, dass noch eine  Beschreibung fehlt: Und zwar welche Erwartungen die Kinder heutzutage erfüllen sollen?

Das ist eigentlich ähnlich, wie bei den Erwartungen an die perfekte Frau oder den perfekten Mann. Auch die Kinder sollen möglichst alle Erwartungen erfüllen und das Schlimme ist, dass die Erwartungen von Generation zu Generation weitergetragen werden. Die heutigen Erwachsenen, die mit dem Druck schon groß geworden sind, alles perfekt machen zu müssen und das in ihre Kinder rein indoktrinieren. Da hab ich persönlich große Sorge, weil ich glaube, dass das nicht die Zukunft sein kann, dass eine Generation mit diesem Druck heranwächst. Alles was irgendwie kreativ, verrückt, neu und anders ist, entsteht doch auch in dem Moment, in dem ein Mangel da ist. Indem man eben nicht versucht alles perfekt zu machen. Sondern indem man auch sagt: „Nee, gewisse Teile kann ich als Elternteil nicht abdecken und auch nicht bieten“. Irgendwas muss so ein Kind auch noch selber aufbauen wollen. Eine Generation, die immer nur kriegt und muss und gefordert wird und besser sein muss… . Ich weiß nicht, ob das dann die besseren Erwachsenen werden.

Bleiben wir nochmal bei dem Matriarchat: Was hast du denn von deiner Mutter mitbekommen?

Oh ganz viel! Also ich bin als Scheidungskind in den 80er Jahren groß geworden. Ich habe noch wirklich diese massive Diskriminierung miterlebt, die sich heute, glaube ich, ein bisschen verändert hat und die es nicht mehr so stark gibt. Aber damals sagte man wirklich „Naja, `ne Frau allein mit einem Sohn, das kann ja nichts werden.“ Meine Mutter war Sekretärin bei der Zeitung. Ich komme also nicht aus besonders privilegierten Verhältnissen und was ich mitgenommen habe bzw. mitbekommen habe, ist eigentlich so eine fast bedingungslose Unterstützung meiner verrücktesten Ideen. Zum Beispiel als ich mich mit 15 dazu entschieden hatte zum Radio zu gehen. Wo man vielleicht eher sagt, was sind das jetzt für Fisimatenten. Was will er morgen und so weiter. Und eben auch diesen ganzen künstlerischen Weg, der natürlich keiner ist. Wo man groß mit Sicherheiten und Garantien am Anfang einsteigt. Das hat sie alles unterstützt. Sie ist mir da nie in die Parade gefahren oder hat mich ausgebremst. Dafür bin ich sehr dankbar. Sie hat zwar manchmal gezweifelt, war auch vorsichtig und hat Bedenken geäußert. Das darf sie auch, dafür ist sie Mutter, aber ich habe das als sehr unterstützend wahrgenommen. Auch in ihren Grenzen war sie da sehr klar. Sie konnte mir nicht die Türen in irgendwelche Medienunternehmen öffnen. Das musste ich alles selber machen. Das ist aber auch ein schönes Gefühl im Nachhinein. Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, die vielleicht priviligierter groß werden. Ich hatte das nie, aber ich habe es auch nie vermisst.

Ja, das finde ich auch ganz wichtig, dass man weiß, wo man herkommt. Und es ist auf jeden Fall schön, wenn man sich das erarbeitet und einem eben nicht alles in den Schoß fällt.

Ja eben! Das kann man auch an eine nächste Generation weitergeben. Es ist gut, wenn nicht alles da ist und nicht alles selbstverständlich ist.

In deinem Programm geht es nicht nur um Stereotypen, sondern auch um Entscheidungen. Warum können wir uns denn nun so schwer entscheiden? Hast du einen ultimativen Tipp, wie man Entscheidungen treffen kann?

Also soweit ich das sagen kann – ich bin ja nicht so der Ratgeber, ich bin ja eher der Komiker, aber ich habe mich natürlich auch genug mit dem Thema beschäftigt, um auch punktuell den Ratschlaghammer rauszuholen: Also es gibt so eine Faustregel, die ich ganz gut finde. Bei Entscheidungen, die nicht sehr weitreichend sind, z.B. Shampoo-Kauf oder andere Kleinigkeiten lautet sie: Mehr Optionen und weniger Informationen. Wenn es falsch ist, nimmt man eine andere Option und hat nicht viel dabei verloren. Bei großen Entscheidungen, also ob es um viel Geld geht oder weitreichende Konsequenzen hat – was auch immer – da lautet die Faustregel umgekehrt: Weniger Optionen und mehr Informationen. Häufig ist weniger mehr! Diese Bibel, auf der wir heute schlafen – „je mehr Optionen desto besser“ –  ist, glaube ich, oft eine gut gemeinte Idee, aber häufig auch wahnsinnig kontraproduktiv, weil man sich einfach leichter verliert und das menschliche Gehirn dafür auch gar nicht gemacht ist. Insofern ist es ratsamer sich einzuschränken und nicht fünf oder zehn Optionen, sondern drei oder vier zu wählen und dann die unter die Lupe zu nehmen und loszulegen.

Genau, und dann einfach auch dazu zu stehen. Die Entscheidung, die man getroffen hat „gut“ sein zu lassen.

Ja, Reue ist das Allerschlimmste! Im Nachhinein wieder anfangen und von vorne überlegen, könnte man nicht, sollte man nicht anders. Es ist tatsächlich so, dass uns das abgewöhnt wird, dass finale Entscheidungen nun eigentlich was Gutes haben. Wenn man weiß, es ist jetzt so und man kann es nicht mehr ändern, ist es häufig gesünder für die eigene Psyche als wenn man weiß, man könnte jetzt nochmal alles zurück und von vorne anfangen, weil es hört einfach nie auf.

Florian Schroeder - Buchcover

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Wie lautet dein Mantra für Gelassenheit?

Oh, Mantra ist groß! Ich würde sagen, ich komme da von Heideggers Begriff der Gelassenheit, den ich ja sehr schön finde. Es ist letztlich ein Einlassen und auch ein Zulassen. Ein nicht immer alles selbst entscheiden zu müssen. Es ist nicht dieser Druck der Aktivität da. Man darf auch mal passiv sein. Im Sinne von ich gebe eine Entscheidung, die ich alleine nicht treffen kann, ab. Ich muss also nicht immer derjeneige sein, der aktiv entscheidet. Es kann auch eine Entscheidung sein, zu einem Arzt zu gehen, der mir, wenn ich ich krank bin, sagt, mach dieses oder jenes. Sich eben zu überlassen. Nicht zu überlassen im Sinne von „Der wird’s schon richten“ und danach beleidigt sein. Sondern die Aktivität besteht schon in der Wahl des Arztes, dem kritische Fragen zu stellen und zu hinterfragen, aber trotzdem die Souveränität punktuell abzugeben, weil die Komplexität unserer Welt es immer mehr verunmöglicht alle Entscheidungen selbst zu treffen. Es muss fast notwendig ins Unglück führen, wenn man sich da überschätzt. Und deshalb ist es gut sich zu begrenzen und sich einzulassen, sozusagen das zuzulassen, was andere können, andere wissen, man aber selbst nicht wissen kann. Das verstehe ich unter Gelassenheit und darunter nicht alles immer optimieren zu müssen und sich nicht unter den Druck des Besten zu stellen. Sich nicht unter den Druck zu stellen alles zu beherrschen, alles zu können, alles zu müssen, sondern weniger auch mehr sein lassen zu können. 

Auch etwas mit Humor sehen zu können?

Ja unbedingt! Das ist ja die Grundlage von allem. Wenn das nicht ist, dann können wir uns ja gleich von der Brücke stürzen.

Fällt es dir leicht, wenn dir Dinge im Alltag passieren oder wenn dich etwas ärgert, doch schnell wieder umzuswitchen, und zu sagen: „Ach komm, morgen lache ich drüber.“?

Ja, das geht zum Glück ganz gut! Ich bin zwar auch wunderbar darin ewig vor Entscheidungen drüber nachzudenken und zu bereuen und zu zweifeln und von vorne anzufangen. Also ich bin da selbst ein Opfer dessen, was ich immer predige, was man anders machen soll. Man ist ja selber ein Gefangener seiner Themen. Was ich tatsächlich kann, ist dann relativ schnell darüber zu stehen und zu sagen „Hey, im Grunde bin ich ja auch nur eine lächerliche Figur“. Das hilft häufig. Wenn man dann auch die eigene Lächerlichkeit zulässt.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für unsere Fragen genommen hast!

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Nicht nur uns Frauen, sondern auch die Erwartungen an die Männerwelt formulierte Florian Schroeder sehr treffend :

Photo Credits: Frank Eidel